Chapter Text
Das Anschnallzeichen leuchtet zum gefühlt hundertsten Mal während dieses Fluges auf. Eigentlich sollte Peter also mittlerweile daran gewöhnt sein. Dennoch beschleunigt sich bei dem akustischen Signal direkt sein Puls, seine Handflächen werden feucht. Gerne geflogen ist er eigentlich noch nie. Zu viele Dinge, die potentiell schiefgehen könnten. Technische Defekte, menschliches Versagen, Flugzeugentführungen. Von dem Gefühl, in tausenden Metern Höhe stundenlang mit einer großen Gruppe fremder Menschen eingesperrt zu sein, mal ganz zu schweigen.
Dass er sich heutzutage überhaupt noch in eine Maschine gesetzt hat, ist wohl allein der Tablette zu verdanken, die er heute morgen am Flughafen von LA eingenommen hat und die ihn bis zu seinem Zwischenstopp in Houston in weiche, warme Watte gepackt hat. Jetzt lässt ihre Wirkung allerdings langsam nach und seine Fingerkuppen werden immer tauber, je öfter er sich mit ihnen an den Armlehnen festkrallt.
„Höchstens eine in vierundzwanzig Stunden”, hat Dr. Goodwin ihm eingeschärft, während sie das Rezept ausgestellt hat. Dass er sich an solche Anordnungen von ihr besser halten sollte, haben ein paar nicht so schöne Zwischenfälle in der Vergangenheit leider mehr als deutlich gemacht. Deswegen wird er ganz bestimmt keine zweite von den kleinen blauen Pillen in seinem Handgepäck schlucken. Sich das Zuckerwattegefühl zurückwünschen, tut er trotzdem.
„Wenigstens scheinen sie es dieses Mal ernst zu meinen.”
Fragend sieht Peter seine Sitznachbarin an. Carlota ist mit ihm in Houston an Bord gegangen. Wie Peter leidet auch sie an Flugangst, behandelt diese allerdings lieber mit Bourbon auf Eis anstatt mit medikamentöser Unterstützung. Was auch erklärt, warum ihr Blick etwas unfokussiert ist, als sie in Richtung des Fensters nickt.
„Fast geschafft.”
Peter riskiert einen Blick durch die kleine, ovale Scheibe. Unter ihnen glitzert türkisblaues Meer. An der langen Küste, der sie sich aus Nordwesten nähern, erstrecken sich weiße Sandstrände. Etwas weiter im Landesinneren kann Peter schon die Umrisse jener Stadt erahnen, die das Ziel seiner Reise darstellt. Mérida.
„Bienvenido a México”, murmelt Carlota neben ihm und leert ihren Drink in einem Zug. Eine Stewardess taucht wie aus dem Nichts neben ihr auf und nimmt das Glas, in dem nun bloß noch ein paar Eiswürfel klirren, entgegen.
„Bitte schnallen Sie sich jetzt an”, bemerkt sie freundlich, aber bestimmt.
Carlota grummelt etwas Unverständliches auf Spanisch, macht sich dann aber daran, den Gurt über den Stofflagen ihres wallenden, bunt gemusterten Kleides anzulegen.
Peters Fingerspitzen kommen auf dem Verschluss seines eigenen Anschnallgurtes zum Ruhen. Er hat ihn während des gesamten Fluges nicht abgenommen, kämpft aber trotzdem mit seinem Bedürfnis, ihn nun noch einmal zu öffnen, um ihn dann wieder schließen zu können. Nur um ganz sicherzugehen. Nur weil ansonsten vielleicht irgendetwas anderes katastrophal schieflaufen könnte. Nur weil das dann vielleicht seine Schuld wäre.
Er lässt den Kopf nach hinten gegen die Kopfstütze sacken und schließt die Augen. Tippt mit seinen Fingern einen Rhythmus auf das kühle Metall. Eins, zwei, drei, vier. . . Bis zwanzig und dann noch einmal von vorn. Das unruhige Gefühl in ihm drin, wie ein Jucken hinter dem Brustbein, bekommt er so nicht weg. Aber es ist zumindest leichter zu ertragen. Und allemal besser, als bis zur Landung in einer ewigen Schleife aus dem Öffnen und Schließen des Gurtes gefangen zu sein.
„Das wird schon.” Carlota tätschelt ihm den Unterarm.
Peter schafft es, ihr ein mattes Lächeln zu schenken, ohne den Rhythmus in seinen Gedanken zu unterbrechen. Eins, zwei, drei. . .
???
„Urlaub.” Peter kann sich ein hohles Lachen nicht verkneifen, als er auf dem Stuhl in Jennys Büro in sich zusammensackt. „Sicher, dass du nicht beurlaubt meinst?”
Die stellvertretende Leiterin der Marketingabteilung sieht ihn über den Rand ihres dunklen Brillengestells an. „Ich meine es so, wie ich es sage. Du hast massenhaft Urlaubstage aus dem letzten Jahr angehäuft. Den nimmst du, beginnend ab übernächster Woche.”
„Lass die Tage doch einfach verfallen.” Trotzig verschränkt Peter die Arme vor der Brust. „Ist ja nicht so, als ob das der Firma irgendwie schaden würde.”
„Das nicht. Was der Firma aber schadet, ist ein Mitarbeiter, der offensichtlich so erschöpft ist, dass er seine Aufgaben nicht mehr erfüllen kann.”
Peter spürt, wie seine Wangen warm werden. Ja, dieses Mal hat er tatsächlich auf einem größeren Level versagt als sonst. Die Druckdatei für den Jahresbericht, der bei der Tagung letztes Wochenende der gesamten Managementebene von Solar Next und vielen wichtigen Geschäftspartnern vorgelegt werden sollte, einfach nicht abzuschicken und stattdessen im Entwürfe-Ordner seines Postfachs verkümmern zu lassen, ist ein Fehler, der nicht einmal einem Praktikanten unterlaufen sollte. Dass am Ende zumindest eine provisorische, auf anderem Papier und mit anderer Bindung gedruckte Version des Berichts auf der Veranstaltung verteilt werden konnte, lag letztlich nur an Jennys schnellem Handeln und ihren guten Kontakten zu einer kleinen Druckerei etwas außerhalb von Los Angeles.
Trotzdem.
„Urlaub wird daran leider auch nichts ändern”, murmelt Peter.
Jenny stützt ihre Ellenbogen auf dem Schreibtisch auf. „Keine Diskussion, Peter. Du wirst diesen Urlaub antreten. Ich erwarte von dir einen Screenshot deines Flugtickets — mir egal wohin — und mindestens ein Selfie von dir am Strand, Pool, oder was auch immer.” Sie neigt den Kopf zur Seite, ihr strenger Blick nun etwas sanfter. „Du musst mal raus. Auf andere Gedanken kommen. Andere Gedanken als—”
„Schon gut.” Peter steht abrupt genug von seinem Stuhl auf, dass ihm schwindlig wird. Letzte Nacht hat er mal wieder viel zu wenig geschlafen und jetzt, um die Mittagszeit, rächt sich das. „Du bekommst dein Selfie.”
Um den mitleidigen Blick seiner Vorgesetzten nicht länger ertragen zu müssen, flüchtet er den Gang hinunter in das kleine, fensterlose Büro, das er sich mit Nathan, ihrem Grafiker, teilt. Der ist aber momentan in Elternzeit, sodass Peter den Raum schon seit einigen Wochen für sich alleine hat.
Er lässt sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen und nimmt ein paar tiefe Atemzüge der Luft, die durch die vielen Stapel von Broschüren und Berichten in den Regalen nach Papier und Druckerfarbe riecht. Versucht, sich davon zu überzeugen, dass es schlimmer hätte enden können. Mit einer Kündigung zum Beispiel. Denn auch wenn er nicht besonders an seiner Stelle hängt, weiß er doch, dass er auf das Geld angewiesen ist. Die Zeiten, in denen er seine Eltern um finanzielle Unterstützung bitten konnte, sind langsam vorbei und vor allem sein Vater hat ihm immer wieder unmissverständlich klargemacht, dass er nun auf eigenen Beinen zu stehen hat. So wackelig diese auch sein mögen.
Dass er nicht schon längst gefeuert wurde, hat er vermutlich ohnehin nur Jenny zu verdanken. Jenny, für die sie mal einen Fall gelöst haben, als sie selbst noch in der Highschool waren. Jenny, die ein bisschen etwas davon weiß, wer Peter früher einmal war und warum es ihm heute schwerfällt, an die einfachsten Dinge zu denken oder an manchen Tagen überhaupt seine Wohnung zu verlassen. Vielleicht sieht sie etwas in ihm, dass er selbst schon lange nicht mehr sehen kann. Vielleicht hat sie auch einfach nur Mitleid.
Egal was es ist, hat sie Mal um Mal seine Patzer vertuscht und so manchen Fauxpas auf ihre eigene Kappe genommen. Nun scheint er den Bogen aber endgültig überspannt zu haben.
Urlaub. . .
Wie soll er das überhaupt anstellen? Allein die Vorstellung, zu verreisen, tritt eine Lawine von Gedanken los, was dabei alles schiefgehen könnte. Bevor seine Herzfrequenz komplett durch die Decke gehen kann, gelingt es ihm aber, noch einmal zurückzurudern. Es klappt nicht immer, aber manchmal, da gibt es sie — die Momente, in denen er es schafft, sein eigenes Gedankenkarussell mittels ein paar einfachen Strategien zu durchbrechen. So auch jetzt.
Anstatt sich also in immer erschreckenderen, imaginären Szenarien zu verlieren, stellt Peter sich vor, er würde diese Reise gar nicht für sich selbst buchen. Sucht stattdessen nach einem Urlaub für jemanden, der mit fünfundzwanzig noch eher am Beginn seines Erwachsenendaseins steht, der die Welt entdecken, Neues ausprobieren möchte. Der nicht zaghaft über jeden einzelnen, noch so kleinen Schritt nachdenkt und sich am Ende eines ereignislosen Tages am liebsten in sein kleines, schäbiges Apartment zurückzieht, um einem Leben nachzutrauern, das geendet hat, bevor es jemals so richtig begonnen hatte.
Er ist so erfolgreich mit seiner Performance vor sich selbst, dass er, nachdem er ein paar Stunden später den PC heruntergefahren hat, sein Handy entsperrt und einen Screenshot an Jenny schickt.
Ein Flugticket, Hin- und Rückflug, mit zehn Tagen Aufenthalt dazwischen. Ausgestellt auf Mr. Peter Dunstan Shaw. Zielort: Mérida, Mexiko.
???
Der Flughafen von Mérida ist eine eher unscheinbare Affäre. Deutlich kleiner als LAX, fühlt es sich nicht wie eine halbe Weltreise an, bis man es aus dem Flugzeug, durch die Passkontrolle und schließlich in die Halle mit den Gepäckausgabebändern geschafft hat. Tatsächlich geht das sogar so schnell, dass Peters Flug noch nicht einmal unter denen, die auf den Displays oberhalb der einzelnen Bänder angezeigt werden, zu finden ist. Seinen Koffer zu verpassen, ist also quasi unmöglich. Trotzdem verbringt er die knappe halbe Stunde, die er warten muss, bis der Flug aus Houston endlich auf einem der Bildschirme erscheint, damit, unruhig auf und ab zu tigern. Zu überprüfen, ob er sich nicht vielleicht doch vertan hat und das Gepäck bereits ausgegeben wird.
Als er seinen dunkelblauen Hartschalenkoffer endlich in Richtung Ausgang schiebt, kommt er noch kurz vor dem grünen Nothing to Declare Schild über der Schiebetür ins Straucheln. Seine Hand tastet nach dem gefalteten Schreiben, das er in seiner Hosentasche mit sich führt. Dr. Goodwin hat ihm versichert, dass es ausreicht, wenn er das Dokument, in dem sie die Dosierung und die Notwendigkeit seiner Medikamente beschreibt, während des Flugs greifbar hat.
Trotzdem hat er noch bis zu den letzten Stunden vor seinem Abflug unzählige Suchanfragen gestartet, um sich zu vergewissern, dass er mit den Tabletten, die ihm helfen sollen, im Alltag einigermaßen zu funktionieren, einreisen darf, ohne diese am Zoll vorzulegen. Das Ergebnis, wie bei allen Internetsuchen: sehr wahrscheinlich ja, mit einer geringen Prozentzahl von Forumsbeiträgen, laut derer er wahrscheinlich die Nacht in einem mexikanischen Gefängnis verbringen wird. Selbstverständlich sind es jene, die sich am tiefsten in sein Gedächtnis gebrannt haben.
Einatmen, ausatmen. Nicht auf die Stimme hören, die ihn dazu bringen will, jetzt sofort noch einmal sein Handy zu zücken und die Seiten aus seinem Browserverlauf noch ein weiteres Mal aufzurufen.
Peter geht durch die Schiebetür, zuckt kurz zusammen, als er eine Bewegung am rechten Rand seines Gesichtsfelds wahrnimmt. Eine fünfköpfige Familie, die ein älteres Ehepaar — wahrscheinlich die Großeltern — stürmisch begrüßt. Kein uniformiertes Flughafenpersonal, das Peter zu Boden wrestlen und ihm Handschellen anlegen möchte.
Der vordere Teil der Flughalle ist etwas lebhafter gestaltet als die nüchternen Flure und Treppenaufgänge im Bereich der Passkontrollen und der Gepäckausgabe. Zahlreiche Cafés und Schnellrestaurants locken hungrige und durstige Reisende mit grellen Neontafeln an und in großen und kleinen Geschäften kann man von Alltagsgegenständen bis hin zu Luxusgütern so ziemlich alles käuflich erwerben.
Peter kommt sich verloren vor, wie er hier alleine mit seinem Koffer steht. Den Flug zu überstehen war eine so große Hürde, dass er verhältnismäßig wenig gedankliche Energie darauf verwendet hat, sich vorzustellen, wie es nach seiner Ankunft weitergehen würde. Um zwischen all den anderen Reisenden, die alle genau zu wissen scheinen, wo sie hinmüssen, nicht als Einziger planlos herumzustehen, steuert Peter den nächstbesten Laden an.
Ein Zeitschriftenhandel mit Kiosk. Peter deckt sich mit ein paar Getränken und Snacks ein, für den nicht ganz unwahrscheinlichen Fall, dass er sein Hotelzimmer heute nicht mehr verlassen wird, nachdem er es einmal dorthin geschafft hat. Anschließend macht er noch einen Abstecher in die Abteilung mit englischsprachigen Zeitschriften. Das ist es doch, was Leute im Urlaub machen, oder? Faul am Pool liegen und in einer leichten Lektüre blättern.
Er klemmt sich ein Surfmagazin und eine Oldtimerzeitschrift unter den Arm, auch wenn beide Themen heute nicht mehr den gleichen Enthusiasmus wie früher in ihm wecken. Einen Versuch ist es wert. Er will schon zur Kasse gehen, als sein Blick auf das Regal mit den neuesten Ausgaben der beliebtesten Klatschmagazine fällt.
Eigentlich sollte er mittlerweile daran gewöhnt sein, Justus’ Gesicht auf dieser Art von Presseerzeugnis zu entdecken. Trotzdem kann er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Vor allem nicht, wenn er sich die Grimasse vorstellt, die Justus angesichts der Schlagzeile unter einem Foto von sich und Kate ziehen würde: Läuten bald Hochzeitsglocken? Justus und Kate besuchen Luxus-Schmuckgeschäft.
Mit einem leisen Lachen greift Peter nach dem quietschbunten Heft und blättert, wie auf dem Titelblatt angegeben, zu Seite vierzehn. Eine Reihe von Fotos, die sicherlich nicht mit dem Einverständnis der abgebildeten Personen aufgenommen wurden, zeigen Justus und eine junge Frau mit rotblondem Haar und herzförmigem Gesicht beim Verlassen eines Geschäfts. Justus hält in der einen Hand einige Einkaufstüten, die Finger seiner anderen sind mit denen von Kate verschränkt. Sie lächeln sich auf eine Art an, bei der alle Außenstehenden sofort das Gefühl haben, nicht Teil des wortlosen Austauschs zwischen den beiden zu sein.
Wenn sich da mal nicht zwei darauf vorbereiten, bald „JA!” zu sagen, liest Peter. Bei einem Shoppingtrip in LA haben es sich Justus Jonas (25) und Freundin Kate Emerson (26) offenbar nicht nehmen lassen, bei einem der angesagtesten Juweliere vorbeizuschauen. Ob sie dort wohl auch die große Auswahl an Trauringen begutachtet haben? Dem Eindruck nach, den das verliebte Pärchen beim Verlassen des Geschäfts macht, kann es auf diese Frage eigentlich nur eine Antwort geben.
Typisch, denkt Peter. Wie üblich für diese Magazine wird eine gesamte Story lediglich auf reiner Spekulation aufgebaut. Trotzdem liest er weiter.
Dem Moderator und der Schauspielerin, die sich letzten Sommer in LA während Kates Dreharbeiten zur Neuverfilmung von Albert Hitfields Erfolgsroman „Dunkles Vermächtnis” kennen und lieben gelernt haben, würden Fans dieses große Glück sicherlich gönnen. Kate, die auch als ,America’s New Sweetheart’ bekannt ist, und Justus scheinen in ihrer Beziehung ohne die großen Dramen auszukommen, mit denen andere Hollywoodgrößen von sich reden machen. „Er trägt sie auf Händen”, erzählt uns Madeleine F., die mit Kate am Set ihres neuen Films „100 Ways to Fall for Your Best Friend” zusammengearbeitet hat.
„Mhm”, murmelt Peter. „Hat wahrscheinlich einen Tag mal die Sandwiches geliefert und hält sich jetzt für Kates BFF.”
Besonders vor dem Hintergrund der dramatischen Ereignisse in Justus’ privater Vergangenheit kann man Amerikas jüngstem Talkmaster nur wünschen, dass er nun mit Kate endlich sein Glück findet und positiv in die Zukunft schauen kann.
Peters Hände werden schlagartig taub. Das Klingeln in seinen Ohren übertönt die Geräusche des geschäftigen Flughafens um ihn herum. Obwohl er schon ahnt, was jetzt kommt, saugen sich seine Augen wie von selbst an den gedruckten Worten fest.
Nachdem Justus schon als kleiner Junge seine Eltern auf tragische Weise verlor, verschwand vor zwei Jahren einer von Justus’ besten Freunden spurlos. Wie der Moderator selbst gehörte auch er zu jenem Detektivtrio, welches einst im Raum Los Angeles mit einigen spektakulären Einsätzen von sich Reden machte. Sein eigenes Trauma veranlasste Justus damals dazu, den Podcast MISSING.YOU ins Leben zu rufen, der sich mit unaufgeklärten Vermisstenfällen befasste. Heute kennen wir unter diesem Namen natürlich alle die bekannte Talkshow, die der studierte Kriminologe noch immer selbst moderiert.
Der Text geht noch weiter, verschwimmt aber vor Peters Augen, während er wie zur Salzsäule erstarrt vor dem Zeitschriftenregal steht.
Zwei Jahre. . . Nicht einmal, was das angeht, kann sich das verfluchte Klatschblatt präzise ausdrücken. Es sind zwei Jahre, acht Monate und zwölf Tage vergangen, seit Bob Andrews von einer Sekunde auf die andere aus ihrer aller Leben verschwunden ist. Peter muss es wissen, denn er hat jeden einzelnen Tag gezählt.
„So ein süßes Paar, oder?” Die Stimme einer jungen Frau, die sich ebenfalls die Zeitschriften angesehen hat, reißt Peter aus seiner Trance. Als er sie irritiert ansieht, deutet sie auf das Heft in seiner Hand. „Justus und Kate. Ich bin ja sowas wie einer seiner Fans der ersten Stunde und wenn jemand diese Frau verdient hat, dann ist er es.” Ihre Brauen ziehen sich zusammen. „Aber sagen Sie mal, sind Sie nicht—?”
Früher hätte Peter vielleicht bemerkt, dass sein Gegenüber ziemlich hübsch ist, mit ihren blonden Haaren und den blauen Augen. Heute kann er nur daran denken, dass Bobs Augen tausendmal schöner waren, wenn er ihn damit anstrahlte. „Nein”, sagt er brüsk. Er schlägt das Magazin zu, legt es an einen beliebigen Platz in der Auslage zurück. „Nein, der bin ich nicht.”
Er macht auf dem Absatz kehrt, hätte wahrscheinlich fluchtartig das Geschäft verlassen, wenn er nicht noch seine Einkäufe bezahlen müsste. Während er mit weichen Knien in der Schlage an der Kasse steht, tauchen immer wieder schwarze Flecken am Rande seines Sichtfelds auf. Er atmet sie so gut es geht weg, ist sogar einigermaßen erfolgreich dabei. Nur gegen den Gedanken, der sich in seinem Kopf auf Dauerschleife wiederholt, ist er vollkommen machtlos.
Er hätte es besser wissen müssen. Egal wie schnell er auch rennt, wie weit er wegfliegt — die Geister der Vergangenheit werden immer schon da sein, wenn er ankommt.
